Was in den letzten Tagen und Wochen passiert, hat in der Tat eine ganz neue Qualität – das die Politik gegen die Interessen des Volkes handelt und man als Wähler nicht selten das Gefühl hat, das denen das egal ist, das kennen wir. Das es Demonstrationen gegen Vorhaben der Politik gibt, die von dieser müde lächelnd zur Kenntnis genommen wird, ist auch nicht neu. Aber die Proteste gegen “Stuttgart 21″ – das ist in dieser Dimension neu. Das hatten wir noch nicht.
Das die baden-württembergische Landesregierung um den inzwischen unhaltbaren Ministerpräsidenten Stefan Mappus die Interessen der Wirtschaft vor denen der Bevölkerung priorisieren würde, das überrascht bis heute sicherlich niemanden. Das Mappus & Co. aber in einer demokratie- und menschenverachtenden Art auf die Demonstrationen reagieren und somit ihre ohnehin schon gefährdete Wiederwahl endgültig in die Tonne hauen, das überrascht dann doch. Da greift die Landespolizei zu Mitteln der Gewalt, wobei Hunderte verletzt werden, und dann setzt sich Innenminister Heribert Rech vor die Kameras und erklärt rotzfrech und achselzuckend:
“Nee, nee. Das war kein Druckstrahl, der aus den Wasserwerfern kam. Das war nur Streustrahl.”
Da wirste doch bekloppt! Erstens ist das völlig irrelevant und zweitens zeigt ein solcher Vorfall, wie hilflos die gesamte Landesregierung den Gegendemonstrationen inhaltlich und argumentativ gegenübersteht. Rech legt nach und macht auch vor Müttern und Kindern nicht halt:
“Wenn Kinder in die vorderste Linie gebracht werden von ihren Müttern, von ihren Vätern, wenn sie instrumentalisiert werden, wenn sich Mütter mit den Kindern der Polizei in den Weg stellen, dann müssen sie eben auch mit einfacher körperlicher Gewalt weggebracht werden.”
Jetzt legt Justizminister Ulrich Goll (FDP) noch nach und sagt:
Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) hat den Gegnern des Projekts in einem Interview Bequemlichkeit vorgeworfen. “Die Menschen sind in zunehmender Zahl sehr unduldsam und wohlstandsverwöhnt”, sagte er der “Financial Times Deutschland”.
Wie lächerlich ist es, Leuten, die jeden Tag auf die Strasse gehen und teilweise leider unter Einsatz ihrer Gesundheit für ihre Überzeugung eintreten, vorzuwerfen, dass sie bequem sind? Das Problem liegt woanders: Goll selbst (wie auch Mappus und Rech) scheint mir eher demokratiedistanziert und kapitalismusverwöhnt zu sein. Anders sind Arroganz und Unanständigkeit in diesem Ausmaß nicht zu erklären. Bahnchef Grube (von dem man irgendwie den Eindruck hat, das er mit der Landesregierung unter einer Decke steckt), springt der Landesregierung noch bei und haut ganz nebenbei mal den Grundgesetzartikel 8 in die Tonne:
Zuvor hatte Bahnchef Grube per Interview erklärt, er halte den Widerstand der Gegner für nicht gerechtfertigt. “Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht”, sagte er der “Bild am Sonntag”.
Wenn man sich nun alle diese Kommentare nacheinander durchliest, dann kann einem nur schlecht werden. Zusammengefasst kann man sagen: denen ist sch***egal, was die Bevölkerung denkt. Bemerkenswert ist nur, dass der Drang, die Wirtschaftsinteressen vor die des Volkes zu stellen, in diesem Fall sogar stärker als der Machterhaltungstrieb zu sein scheint. Denn klar ist auch: sich den Namen Mappus noch zu merken, könnte in Anbetracht der im März stattfindenden Landtagswahl in Baden-Württemberg gut und gerne reine Zeitverschwendung sein.
Vielleicht ist es auch einfach so, das es im Rahmen von Demonstrationen gegen Regierungsvorhaben auch erst zu einer solchen Gewalteskalation kommen musste, damit klar wird, das sich die Demonstranten auch davon nicht abschrecken lassen und weiter zu Zehntausenden auf die Strasse gehen. Genau genommen zeigen die Proteste auch erstmals Wirkung. Hier ein weiteres Mappus-Zitat:
Unterdessen wiederholte Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus seine Gesprächsbereitschaft. “Deshalb setze ich mich dafür ein, dass gemeinsam über Möglichkeiten gesprochen wird, wie Optimierungen, Veränderungen und Verbesserungen erreichbar sind”, sagte er dem “Handelsblatt”.
Sicher, das ist nicht das Ende des Projektes. Das wird mit schwarz-gelb ganz sicher nicht zu machen sein, dennoch ist es bemerkenswert – das Wort “Veränderungen” hat Mappus bisher stets strikt vermieden. Warscheinlich ist es nur Hinhaltetaktik, denn um “Stuttgart 21″ noch zu stoppen bedarf es sicher eines Regierungswechsels im März. Auch in dieser Hinsicht hatten und haben die Demonstrationen bereits sehr viel positives bewirkt. Weiter so!




