Erwin Sellering, Ministerpräsident meines schönen Heimatbundeslandes Mecklenburg-Vorpommern (nur falls das jemandem entgangen sein sollte!), hat sich in einem Zeitungsinterview zur DDR-Vergangenheit geäußert:
Sellering hatte sich in einem Zeitungsinterview am Sonntag dagegen verwahrt, „die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab“.
Und jetzt geht gleich wieder ein riesiger Aufschrei durch das Land! Ohhhhh!!! Ahhhhh!!! Wie kann er nur die DDR gut heißen!!! Unfassbar!!! Der Mann muß zurücktreten!!!
Leute: jetzt macht aber mal halb lang – ich stimme dieser Aussage ausdrücklich zu, wohlwissend, das Sellering sich natürlich nicht das System der DDR zurück wünscht. Er will damit auch nicht sagen, das er die Stasi, die fehlende Wahlfreiheit, die Mauerschützen oder was auch immer super fand – ganz im Gegenteil. Ich für meinen Teil verstehe die Aussage so, das man die Geschehnisse in der ehemaligen DDR mal etwas sachlicher und differenzierter betrachten sollte und nicht immer gleich reflexartig an die SED denken sollte, wenn von der DDR der Rede ist.
Wenn Ronald Pofalla meinen Blog kennen würde, dann würde er mich warscheinlich jetzt hier mit irgendwelchem Mist zuspammen – und eine Unterlassungsklage würde ich warscheinlich auch von seinem CDU-Landesverband bekommen. Was soll der Unsinn? Im Grunde hat Sellering doch mit der Aussage und den darauffolgenden Reaktionen sehr schön offen gelegt, das es offenbar ein kleines Problem mit der Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit unseres heiligen Vaterlandes gibt. Stattdessen sollte man mal die Bürger fragen, die die DDR noch erlebt haben – ich bin sicher, das denen auch was gutes einfällt. Und die müssen es ja wissen.
Danke für diese Aussage, Herr Ministerpräsident!!!




Ja .. und das von einem “Wessi”, nur mal so, für Menschen, die gerne noch in diesen Kategorien denken möchten …
Richtig. Das ist außerdem bemerkenswert!
Einziger Kritikpunkt meinerseits ist, daß Sellerings Einschätzung nicht auf eigenem Erleben beruhen kann. Andererseits finde ich es total schön, daß ein geborener BRD-Bürger und heutiger Spitzenpolitiker sich so differenziert zum Thema DDR äußert.
Auch wenn es aus heutiger Sicht juristisch nicht haltbar ist, was er gesagt hat, so hat Sellering doch den meisten Ex-DDR-Bürgern “aus der Seele gesprochen”.
Richtig. Sehr gut möglich, das er das aber genau deshalb gesagt hat, weil er es nicht selbst erlebt hat und es ihm auf den Geist geht, das immer alles in der DDR schlecht geredet wird?
Warum sollte es juristisch nicht haltbar sein, was er gesagt hat? Ich sehe da keinen Gesetzesverstoß in seiner Aussage!?
Nein, einen Gesetzesverstoß sehe ich auch nicht. Aber der Begriff “Unrechtsstaat” kann nach heutiger Interpretation durchaus verwendet werden für die DDR. Immerhin gab es keine den Staat kontrollierenden Gerichte, es gab keine freie Presse, wir waren quasi eingesperrt, es wurden Leute aufgrund politischer Äußerungen diffamiert, denunziert oder sogar eingesperrt… Das ist schon ne Menge Unrecht. Gemessen an den international definierten Menschenrechten, hat die DDR von Staats wegen Unrecht getan. So gesehen war sie ein Unrechtsstaat.
Trotzdem hatte ich viel Spaß, eine geile Jugend und habe das sogenannte Unrecht am eigenen Leib nie erfahren. Deshalb war es nach “Stammtischdefinition” eben kein “totaler Unrechtsstaat”
Ob man die DDR selbst erlebt hat oder nicht, ist doch egal, um zu einer vernünftigen Einschätzung zu kommen. Ob man sich etwas aus Vernunft macht oder nicht, ist entscheidend.
Dass die DDR kein Rechtsstaat war, ist das Eine. Dass sie durchaus auch ihr Gutes hatte, etwas anderes. Und dass sie Heimat war, hat weder mit dem Einen noch mit dem Anderen zu tun.