Nach dem ersten Album “Child Is The Father To The Man” mache ich gleich weiter mit dem zweiten Album, das etwas irreführend den Namen der Band trägt.
Bei genauerer Betrachtung (oder: genauerem Hörgenuß) macht die Namensgebung des Albums jedoch durchaus Sinn. Denn nach dem Abgang von Al Kooper und dem Zugang David Clayton-Thomas änderte sich der Einfluß etwas weg vom Blues und noch etwas weiter hin zu Jazz, was schon eine relativ deutliche Veränderung ist, wenn man die Platten mal miteinander vergleicht. Funktioniert hat es auf jeden Fall: mit Clayton-Thomas hatte die Band nicht nur einen charismatischen Frontmann an Bord, sondern auch noch einen, der die Mehrzahl der folgenden Hits für die Gruppe schreiben sollte. Es ging auf jeden Fall so richtig die Post ab: das Album landete an der Spitze der amerikanischen Charts und drei Singles erreichten den zweiten Platz in den amerikanischen Single-Charts. Das Album gewann dann auch noch einen Grammy als Album des Jahres – perfekte Ausbeute! Das klingt jetzt alles so furchtbar kommerziell – das eigentlich Großartige ist jedoch, das damals noch ein Album mit einer derart hohen musikalischen Qualität, wie zumindest ich es selten gehört habe, so erfolgreich sein konnte. Ich muß doch sehr anzweifeln, dass dies auch heute noch so möglich wäre. Leider!
Doch nun zur Musik: Opener ist “Variations On A Theme By Erik Satie (1st and 2nd Movements)”, wenn man so will ein Cover von Erik Satie’s Komposition “Trois Gymnopédies”. Der erste ruhigere Teil gefällt mir dabei wesentlich besser als der zweite hektische Teil. Dann kommt “Smiling Phases”, das sich zwar in das hohe Gesamtniveau einfügt, aber dennoch nicht zu meinen Lieblingstiteln zählt. Der dritte Titel “Sometimes In Winter” ist dann das erste absolute Highlight – die einzige Nummer auf dem Album, bei dem nicht David-Clayton Thomas singt, sondern Steve Katz, der den Titel auch geschrieben hat. Auch wenn Clayton-Thomas’ raue Stimme sich perfekt mit den Bläsersätzen ergänzt, die das ganze Album auf angenehme Weise dominieren, hätte Katz meiner Ansicht nach doch ruhig zwei oder drei Titel singen können, denn seine Stimme passt auch sehr gut zum musikalischen Gesamtkonzept der Gruppe, auch oder gerade weil sie wesentlich weicher und nicht so kratzig ist wie die von Clayton-Thomas.
Nach “More And More” folgen dann die Titel “And When I Die” und “God Bless The Child”, die für mich dann den absoluten Reiz des Albums ausmachen. “And When I Die” (US #2) wurde von Laura Nyro geschrieben, die nach dem Abgang von Al Kooper auch als Sängerin in Betracht gezogen wurde – und ich muß sagen, “And When I Die” ist wirklich einer der besten Lyrics, die ich kenne. Zum Beispiel: “I swear there ain’t no heaven / And I pray there ain’t no hell / I never know by livin’ / Only my dyin’ will tell” – das ist doch einfach großartig, oder? Also mir geht da förmlich das Herz auf. Oder: “All I ask of livin’ is to have no chains on me / All I ask of dyin’ is to go naturally” – fantastisch. Da wird wohl jeder zustimmen. Oder der Refrain: “And when I die / And when I’m gone / There’ll be one child born in this world to carry on” – perfekte Lyrics, einfach klasse. Ich krieg mich gar nicht wieder ein!! Es schliesst sich das nicht minder Großartige “God Bless The Child” an, deliziöse Bläsersätze. Fantastisch! Und “You can help yourself / But don’t take too much” erinnert mich irgendwie immer ein bißchen an Klaus Zumwinkel. Das kennt Zumwinkel warscheinlich auch: “And when you got money / You got a lot of friends / crowdin’ round your door”. Dann kommt der warscheinlich bekannteste Titel von B,S&T: “Spinning Wheel” (US #2), was für ein Groove, was für ein kryptischer und doch schmissiger Text, was für ein Gesang von Clayton-Thomas!
Dann folgt mit “You’ve Made Me So Very Happy” (US #2) der dritte Single-Hit! Clayton-Thomas singt samtweich, die Nummer ist Pflicht auf jedem Edel-Love-Mixtape! Dann kommt die fast zwölf Minuten lange Nummer “Blues – Part II”, der sinnigerweise kein “Blues – Part I” vorausgegangen ist. Wäre als Single ungeeignet, weil zu lang, zu progressiv. Aber die Nummer hat für sich genommen durchaus seinen Reiz und arbeitet vor allem im textlichen mit Relationen zu anderen Titeln auf dem Album. Und dann sind mir da zwei Stellen aufgefallen, die mich an zwei Cream-Songs erinnern: die Basslinie bei etwa 8 Minuten ist im Grunde das markante Gitarrenriff aus “Sunshine Of Your Love”, das sich anschließende Riff bei 8:39 ist das Gleiche wie in “Spoonful”. Irgendwie komisch. Als Autor des Titels steht im Booklet jedenfalls die gesamte Band. Als Rausschmeißer folgt dann nochmal “Variations On A Theme By Erik Satie”, diesmal nur mit dem “1st Movement”, was mir ja wie oben angeführt besser gefällt – man hat irgendwie sofort eine duftende Blumenwiese im Frühling vor Augen. Herrlich!
Als abschließendes Fazit würde ich sagen, dass man zwar Zeit aufbringen muß, um dieses Album lieben zu lernen. Nach einmaligem Hören wird mancher das alles als zu sperrig und zu wenig zugänglich empfinden. Aber im Optimalfall (wie bei mir geschehen), kann dieses Album dem Classic-Rock-Fan neue Perspektiven in Richtung Jazz und Klassik aufzeigen. Ich muß mir zum Beispiel mal was von Erik Satie besorgen, den ich vorher gar nicht kannte. Ganz abgesehen davon ist das ohne Übertreibung wirklich eines der besten Alben, die ich jemals in die Hände gekriegt habe.



