Nach längerer Zeit geht es hier mal wieder mit einer Plattenrezension weiter. Nach “Takin’ It To The Streets” und “Stampede” ist nun zum dritten Mal ein Album der Doobie Brothers dran!
Bei der Rezension dieses Albums scheiden sich natürlich mal wieder die Geister – die Fans der Tom Johnston-Ära stehen der Michael McDonald-Phase der Gruppe bekanntermaßen sehr skeptisch gegenüber. Ich könnte mich auf Anhieb nicht entscheiden, welche Phase ich ingesamt besser finde – dem Michael McDonald stehe ich ja weitaus unkritischer gegenüber als so mancher Classic Rock Fan. Ich halte McDonald für einen guten Songwriter und noch besseren Keyboarder – nicht umsonst habe ich bei StudiVZ eine Gruppe namens “Michael McDonald – Großmeister des Mainstreamtastenspiels” gegründet, deren Mitgliederzahl sich bislang allerdings in sehr überschaubaren Grenzen hält.
Bevor ich mit der musikalischen Betrachtung fortfahre: ich finde das Cover einfach super, auf dem die Doobies in fast unübertrefflicher Lässigkeit posieren. Michael McDonald steht in der Mitte und schaut mit authentisch gespielter Gleichgültigkeit zur Seite – der Rest der Gruppe steht drumherum und macht dabei einen nicht weniger zugedröhnten Eindruck. Gut, das sieht alles sehr nach starkem Konsum aus – ich habe ungefähr zehn Leute befragt, wer von den Doobies auf dem Bild den breitesten Eindruck macht. Fast stets deutete die gefragte Person auf den links unten im Bild befindlichen Jeffrey “Skunk” Baxter, der mit seiner megamäßig getönten Brille in den Augen der Befragten offensichtlich etwas zu verbergen hat. Mit einem so deutlichen Ergebnis hatte ich nicht gerechnet, vor allem auch nicht zu Gunsten meines Lieblingsgitarristen!
Nun zur Musik – das Album driftet zugegebenermaßen gelegentlich einen Tick zu sehr ins seichte und kitschige ab, was auch gleich beim Opener “Here To Love You” (US #65) erstmals geschieht. Einen Song mit einem solchen Titel kann man einem Hard-Rocker wohl schwerlich servieren, aber das ist ja auch keine Heavy Metal-Scheibe, die ich hier rezensiere. Der Titel beginnt mit einem geradezu deliziösen Keyboardintro und steigert sich in einen Refrain, wie er mir sicher zu seicht ist – am Ende gehts aber wieder aufwärts mit “Just let me go on loving you / Don’t stop me now / While I’m feeling this way”-Chören, die sofort im Ohr hängen bleiben. Es folgt mit “What A Fool Believes” (US #1) der größte Singlehit der Gruppe, der wie auch das Album (US #1) die Pole Position in den USA eroberte. Die Nummer zählt jetzt nicht zu meinen Lieblingsnummern – ein Klassiker ist es trotzdem, Co-Autor war Kenny Loggins. Besser gefällt mir da schon der Titeltrack “Minute By Minute” (US #14), bei dem McDonald mit ganz großen Keyboard-Intro glänzt. Ein Favorit meinerseits ist dann “Dependin’ On You” (US #25) – ein herrlich charmanter Text: “Well there’s one thing that I know for sure / You gonna win life’s lovin’ cup”. Pat Simmons und Michael McDonald haben die Nummer laut Credits zusammen geschrieben – keine Ahnung, wer von beiden den Text beigesteuert hat. Ich würde hier aber eher auf Simmons tippen. Mit “Don’t Stop To Watch The Wheels” folgt dann die mit Abstand rockigste Nummer – schon das Gitarrenintro, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Titel zieht, ist davon ein deutlicher Beleg. Ganz klar keine McDonald-, sondern eine Pat Simmons-Nummer – Jeffrey Baxter und Michael Ebert sind als Co-Autoren angegeben.
Die zweite Hälfte des Albums beginnt dann mit “Open Your Eyes”, einer beim ersten Hören schmalzigen Nummer, die sich jedoch bei genauerem Hinhören schnell als Musterbeispiel für McDonalds Fähigkeiten am Tasteninstrument herausstellt – ganz stark! Dann kommt “Sweet Feelin’, mehr oder weniger ein Duett von Pat Simmons mit der viel zu früh verstorbenen Nicolette Larson (“Lotta Love”) – auch schön. “Steamer Lane Breakdown” ist dann die für Doobie-Alben schon fast obligatorische Instrumentalnummer, eine der Besten dazu. Es folgt “You Never Change” – eine weitere Simmons-Nummer, der man aber auch den Einfluß von McDonald auf die Gruppe (nicht zuletzt wegen seiner Background-Vocals) jederzeit anhört. Der Rausschmeißer “How Do The Fools Survive?” ist dann in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: geschrieben von Michael McDonald und Carole Bayer Sager enthalten die letzten circa zwei Minuten ein sensationelles Gitarrensolo von Jeffrey “Skunk” Baxter. In der englischen Wikipedia war mal von einem career defining guitar solo die Rede. Genau das ist es. Weiterer bemerkenswerter Aspekt ist für mich die Tatsache, das die Doobies für ihre Verhältnisse mal fast philosophisch werden: “Why do they come and ask for more? / They’ve got stars they don’t have wishes for / They’re just giving up their blame to me / How do the fools survive?”. Man sollte den Text mal mit dem von “Rockin’ Down The Highway” vergleichen – das ist lyrisch schon ein anderes Level.
Links zum Thema:
=> Plattenteller: Doobie Brothers – Stampede (1975)
=> Plattenteller: Doobie Brothers – Takin’ It To The Streets (1976)


