Es gibt in der Süddeutschen Zeitung eine Kategorie namens “Außenansicht”. Hinter dem Begriff verbirgt sich nicht nur meiner Meinung nach ein wichtiges Element der Meinungsbildung – nämlich eine unbeeinflusste Meinung von außen. Der Mensch neigt ja dazu, in seine Entscheidung mehr oder weniger stark Emotionen einfliessen zu lassen. Jeder kennt das – da ist eine Meinung eines Unbeteiligten nicht selten mehr als vorteilhaft.
In der Printausgabe der SZ von vergangenen Donnerstag schrieb Konrad Kleinknecht, seines Zeichens Beauftragter der Deutschen Physikalischen Gesellschaft für Klimaschutz, eine dieser Außenansichten zum Thema Atomkraft – der provokante Titel: “Wovor fürchten wir uns?”. Nicht alle, aber einige (und auch ich) haben zumindest starke Bedenken, wenn es um die Kernkraft geht. Absolut enspannt und unaufgeregt versucht Kleinknecht Argumente zu entkräften, die gegen die Kernkraft sprechen – als ich den Beitrag zu Ende gelesen habe, hatte sich meine Haltung gegen die Kernkraft allerdings sogar noch verstärkt! Als rhetorische Beruhigungsmittel setzt Kleinknecht gleich zur Eröffnung folgenden Satz ein:
“Die deutschen Leichtwasser-Reaktoren sind nicht vergleichbar mit den Graphit-Reaktoren des Typs Tschernobyl. Es gibt daher kaum Bedenken gegen ihre Betriebssicherheit.”
Zunächst einmal nutzt der Autor hier das allgemein vorherrschende (und sicher nicht ganz unzutreffende Bild) der Bevölkerung vom unsicheren russischen Atomreaktor aus, um den Eindruck zu erwecken, das unsere Reaktoren sicher sind. Das ist ein fataler Fehler! Ein terroristischer Anschlag zum Beispiel mit einem Flugzeug (was ja vor dem 11.09.2001 in den USA auch niemand ernsthaft für möglich gehalten hat) kann das Leben der Einwohner (auch über Landesgrenzen hinaus) dauerhaft verändern. Eine solche vergleichbare potentielle Gefahr geht meiner Meinung nach von keiner anderen Art der Energiegewinnung aus. Auch Zwischenfälle in Kernkraftwerken (es muß ja nicht gleich ein GAU sein!) sind auch nicht gerade so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto – die Vorkomnisse der letzten Zeit haben uns das gelehrt. Es ist also sehr leichtsinnig, sich einfach hinzustellen und zu sagen: “Es wird schon gutgehen!” Weiter sagt Kleinknecht:
“In Deutschland sind zurzeit 17 Kernreaktoren in Betrieb, die mehr als ein Viertel der Energie erzeugen. Sie tun seit 20 bis 30 Jahren zuverlässig ihren Dienst.”
Genau gesagt erzeugen diese 17 Kraftwerke 26% des Strombedarfs (wie ich einer Infografik der Tagesschau entnehmen konnte) – aber Moment! Nur 26%? Die Zahl verdeutlicht doch, das theoretisch (zumindest langfristig) auch eine Versorgung ohne Kernenergie möglich wäre. Zur Aussage bezüglich der Sicherheit – ich glaube bin mir sicher, das nicht jeder Zwischenfall auch der Öffentlichkeit bekannt wird. Man kennt das ja – immerhin kann so eine negative Meldung langfristig auch das Betriebsergebnis oder zumindest das Image der großen Energiekonzerne negativ beeinflussen!
“Die Versorgung mit Uran ist für lange Zeit gesichert. [...] Bei konstantem Verbrauch reicht dieses Uran mehr als 70 Jahre.”
Diese Aussage hat mich am meisten aufgeregt. Nur wer egoistisch denkt, kann ernsthaft behaupten, das 70 Jahre eine lange Zeit sind. Das ist ein Menschenleben, mehr nicht. Außerdem: wer sagt überhaupt, das alle Ressourcen der Erde 100%ig verschwendet verwendet werden müssen?
Dann sagt Herr Kleinknecht noch so einiges aus seiner Sicht fantastisches über Endlagerung, das ich jetzt gar nicht wiedergeben will. Neben der Unsicherheit ist nämlich überhaupt erst die Notwendigkeit der Endlagerung eine entscheidende Schwäche der Kernkraft. Ich will jetzt nicht weiter auf dieses Beispiel in Asse eingehen, das dieser Tage durch die Medien geht. Mich stört eher die Philosophie, die dahinter steckt: man raubt der Natur alle Rohstoffe, und die gefährlichen Abfälle nach der Verarbeitung werden der Natur dann einfach wieder untergeschoben. Zudem wird dann natürlich auch wieder übersehen, das der Mensch ja Teil der Natur ist – aus seinem Bewusstsein heraus ist er sogar der Mittelpunkt. Wer also der Natur schadet (und das tut er sowohl mit dem unachtsamen Abbau wertvoller Ressouren als auch mit der Endlagerung), der schadet sich letzten Endes selbst!
Passend dazu habe ich dann auch noch unter der Woche “Maybrit Illner” zum Thema “Gefährlich aber billig – ist Atomstrom doch die Lösung?” gesehen. Schon bei der Formulierung des Themas hätte mir klar werden dürfen, das ich diese Sendung nicht hätte einschalten dürfen. Tatsächlich haben sich Jürgen Trittin (Grüne) und Michael Glos (CSU) die ganze Zeit auf durchschaubarste Art und Weise den schwarzen Peter zugeschoben. Dann saß da noch Erhard Eppler (SPD), der auf ziemlich aufgeregte Weise vor den Gefahren warnen wollte, niemand nahm ihn ernst. Er hat recht, auch wenn seine Forderung natürlich über das Ziel hinaus schießt, den Ausstieg im Grundgesetz festzuhalten.
Zusammenfassend gesagt: ich habe starke Bedenken an Notwendigkeit und Sicherheit der Kernkraft. Die Achillesferse meiner Ausführungen besteht allerdings dahin, das auch ich keine Alternative für einen vollständigen Ersatz benennen kann. Das kann aber auch nicht der Grund sein, zu sagen: “Na ja. Dann machen wir es eben weiter mit der Kernenergie.”



Kernkraft ist eben bequem – es ist schon da, wir haben schon so viel rein investiert, dass es ziemlich gut ausgelastet ist und solange wir den Atommüll weiterhin von einem Zwischenlager ins Nächste fahren können, muss man sich um eine Endlagerung nicht wirklich Gedanken machen. Außerdem ist Deutschland ja kein Dritte-Welt-Land, wie z.B. die USA oder Japan oder Schweden oder Frankreich oder wie die ganzen Länder heißen, in denen es schwerwiegende Probleme mit Kernreaktoren gab.
Was spricht also ernsthaft gegen Atomkraft?
Außerdem – werde ich der Gruppe von Menschen angehören, die in einigen Jahrhunderten auf ein vergessenes Atommüllendlager stoßen wird und die Warnhinweise nicht entziffern kann, da die Symbole nicht selbsterklärend sind (sein können)? Nein! Problem gelöst, weitermachen.
Atomenergie ist der kurzfristig wirkende Flicken auf dem Loch in unserer Energieversorgung. Langfristig ist sie zwar offensichtlich der falsche Weg, doch wer plant schon langfristig, wenn dadurch zu seiner Lebens- oder Regierungszeit unangenehme Konsequenzen gezogen werden müssen?
Weitsicht ist generell keine Stärke der Menschheit, und schon gar nicht der Politik. Unsere Demokratie allerdings zementiert die Politik der Kurzsichtigkeit unwiderruflich, da es vollständig unmöglich ist, für langfristige Planungen, die aktuell Opfer erfordern, den Wählerwillen auf seine Seite zu ziehen!
Sehr interessant! Ihr habt jetzt beide einen Kommentar zu der Thematik hinterlassen, aber keiner von euch hat auch nur ansatzweise ein Argument gebracht, das für die Kernkraft spricht. Nun sind wir drei kaum ein repräsentativer Bevölkerungsschnitt, aber das gibt mir trotzdem zu denken.
Also scheint die Atomkraft ja doch nur das kleinste Übel bzw. aus jetziger Sicht und mit kurzfristiger Denkweise auch die gemütlichste Lösung zu sein. Aber ist es nicht ziemlich schwach und zu einfach, dich darauf auszuruhen?
SPD und Grüne haben ja damals immerhin formell den Atomausstieg beschlossen, was für sie auch nicht wirklich unbequem war, da ja auch in der Bevölkerungsmehrheit da war (und auch noch ist). Und die Union will das jetzt wieder aufweichen, was ich ziemlich schlecht finde – stattdessen sollte der beschlossene Ausstieg als Ansporn dienen, nach Alternativen zu suchen.
Die jetz wieder auflebene Diskussion, den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig zu machen, regt mich wirklich auf. Hier wird aug Gedeih und Verderb versucht an einem Weg festzuhalten der jetz gute Profite abwirft, der aber sogar schon mittelfristig enormes Risiko- und Verlustpotential in sich trägt.
Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme können mit entsprechendem Mitteleinsatz, der wahrscheinlich noch nicht einmal die Höhe der Subvebtionen erreichen muss, die in die Kernkraft geflossen sind, bestimmt noch um Vieles effizienter gemacht werden . Damit wäre
man dem Ersatz der Kernkraft durch alternative Energien ein gutes Stück näher. Die größte Energiequelle ist aber immer noch das Energiesparen. Alle Energie verbrauchenden geräte und Anlagen können wirtschftlicher gemacht werden. Das geht auch nicht von Heute auf Morgen, wird aber die Notwendigkeit der Atomenergie ebenfalls deutlich verringern. Dieser nsatz ist aber für die Großen Energiekonzerne nicht interessant, weil dabei für sie ein weniger großer Profit herausspringt.
Sind die Argumente für die Kernkraft nicht offensichtlich?
Sie ist kurz-, vielleicht auch mittelfristig billiger. Diejenigen Teile der Wirtschaft, welche über ihren Lobbyismus die Meinungsbildung in der Politik beeinflussen, profitieren davon.
Das Problem ist doch, Probleme GEGEN die Kernkraft zu finden, denn was in 50-100 Jahren passieren könnte, interessiert doch keine Sau, und ein GAU muss auch erst einmal passieren, bevor die Möglichkeit, dass er passieren könnte, zugegeben würde.
So lange man also nur brav Augen und Ohren zuhält und “Düdüdü wir denken nicht” vor sich hin singt, spricht also GAR NICHTS gegen die Kernkraft.
Argumente PRO Atomkraft?
Oh, Du hast geschafft, mich sprachlos zu machen.
Respekt – das schafft nicht jeder.
die taz nimmt die Arbeit der Argumentationssuche ab: So bleiben Sie Atomkraft-Gegner
Ich frage mich weshalb es immer noch keine Reaktoren gibt, die eine Kernfusion zustandebringen. Wäre wesentlich umweltfreundlicher und in Bezug auf die Energieereugung effizienter.
Aber dafür müsste man ja investieren und sich der Gefahr aussetzen, dass man am Ende Milliarden in den Sand gesetzt hat. Das sehen die Aktionäre gar nicht gern…
@bravo56: Volle Zustimmung!
@Andreas: Für mich sind sie nicht offensichtlich. Ich will dich nicht mit den meisten Politikern in eine Schublade tun (das könnte mancher gar als Beleidigung auffassen) – aber das ist genau der gleiche Fehler, den die Politiker tun: du denkst da zu kurzfristig, finde ich.
@buchstaeblich: Oh ha. Nicht übel!
@juliaL49: Ein guter Lesetipp für alle für populistisch beeinflussbaren, aber dennoch mündigen Wähler!
@Markus: Das kann sein, ist aber in Bezug auf Gefahren und Verfügbarkeit der Rohstoffe das Gleiche in meinen Augen.
@MuGo: Ach, das ist doch wie mit der Rüstungsindustrie in den USA. Die Atomlobby wird schon dafür sorgen, das der Ausstieg bald rückgängig gemacht wird!
[...] 12, 2008 · Keine Kommentare Meine Begeisterung für die Kernenergie hält sich in Grenzen – jetzt schlägt die CDU die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken (über den Koalitionsvertrag [...]
Japp, Kernkraft ist auch in meinen Augen keine Lösung und langfristig garantiert nicht. Es gibt längst Alternativen bspw. Erdwärme. Erdwärme kann bereits zu 99% überall auf der Erde zur Stromerzeugung eingesetzt werden und auch einfaches heizen ist damit möglich. Erdwärme ist unschädlich und nie endlich. Warum kein Interesse daran besteht ist klar! Es verdient kaum einer daran! Das ist genau wie mit dem Öl, der Staat und die Lobbys wollen keine Elektroautos, obwohl die Technik schon vor dem Verbrennungsmotor existierte. Unsere Gesellschaft ist leider nicht auf Ökonomie, sondern nur auf Profitgier aufgebaut. Was boomt derzeit bei uns? Die Windradtechnik. Schöne Anlagen welche immer wieder ersetzt werden müssen (hoher Verschleiß) und so langfristig viele Arbeitsplätze garantieren. Ich jedenfalls werde in naher Zukunft mein eigenes Haus haben welches vollkommen saubere Energie produziert und noch dazu werde ich dafür keinen einzigen Cent ausgeben und selbst mein Elektroauto wird mit sauberer Energie betrieben. Schlecht für die Wirtschaft aber gut für die Umwelt! Denn ohne eine intakte Natur, existiert kein Mensch und keine Wirtschaft.
Du hast völlig recht! Leider.
Keiner der Blogger hat sich mit meinem wesentlichen Argument auseinandergesetzt: wir Deutschen sind die schlimmsten Schädiger der Atmosphäre, denn wir emittieren pro Einwohner im Jahr 11 Tonnen CO2, doppelt so viel wie ein Schweizer oder Franzose.
Wenn wir ernsthaft unsere klimaschädlichen Emissionen von Kohlendioxid (CO2) reduzieren wollen, müssen wir das bei der Heizung, beim Verkehr und bei der Stromerzeugung tun. Bis 2020 soll die Reduktion 30 Prozent betragen. Bei der Elektrizitätserzeugung geht das nur durch den Einsatz CO2-freier Kraftwerke, also Wasser (jetzt 3,5%) ,Wind (jetzt 6,6%), Biomasse (4%), Sonne (jetzt 0,5%) und eben Kernkraft (jetzt 26%). Ein Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie würde den Bau von 30 Kohlekraftwerken notwendig machen, da die erneuerbaren Energiequellen (EE) nicht so schnell gesteigert werden können bis 2020. Damit würde der deutsche Ausstoß an CO2 um 15 Prozent steigen, und wir wären nach wie vor die Nachzügler in der Klimapolitik.
Natürlich wäre es schön und wünschbar, mehr EE zu nutzen, aber der Spruch von Franz Müntefering ist richtig: “Das Machbare machen, anstatt vom Wünschbaren zu träumen”.
Zu dem Kommentar von Markus: an der Wasserstoff-Kernfusion wird heftig und mit großem Einsatz mit öffentlichen Mitteln gearbeitet, mindestens 2000 Leute arbeiten daran, in Garching, Greifswald, Culham (UK) und jetzt in Cadarache (F). Dort wird mit Beteiligung praktisch aller Nationen der Versuchsreaktor ITER gebaut. Er soll in 10 Jahren laufen.
Zu Matthias Hagg: Erdwärme gibt es an eine paar Stellen in Deutschland, z.B. in Landau (Pfalz). Dort wurde eine kleines Kraftwerk mit öffentlicher Subvention gebaut. Es leistet 3 Megawatt und rentiert sich knapp mit der Subvention. D.h., wir brauchen 300 solche Projekte, um EIN großes Kohle -oder Kernkraftwerk zu ersetzen.
All das -und mehr können Sie in meinem Buch “Wer im Treibhaus sitzt- wie wir der Klima-und Energiefalle entkommen” (Piper Verlg 2007) nachlesen. Lesen und denken Sie selbst- sonst tun es andere.