Wir haben hier in Schwerin ein Neubaugebiet – das heisst Großer Dreesch. In einigen Gegenden war ich wirklich Jahre lang nicht mehr. Erst kürzlich war es dann doch mal wieder so weit. Da ist mir was aufgefallen: auch nahezu zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat man mitunter das Gefühl, sich noch immer in der deutschen demokratischen Republik zu befinden.

Doch nicht nur Wladimir Iljitsch Lenin trotzt nach wie vor den Exkrementen von Raben und Stadttauben. Auch die meisten Plattenbauten haben sich im Erscheinungsbild fast nicht verändert. Das Bild hier sieht zum Beispiel aus wie eine Postkarte aus der DDR:

Da kam mir die Idee, bestimmte Stellen des Großen Dreesches zu fotografieren und lediglich in Graustufen hier als Galerie online zu stellen. Wenn man sich die Bilder nun in Schwarz-Weiß anschaut, dann hat man wirklich das Gefühl auf einer Reise in die Vergangenheit zu sein. Sicher: es wurden einige Fenster ausgetauscht, gelegentlich sind auf den Bildern westdeutsche Autos zu sehen – aber im Großen und Ganzen passt der Eindruck.
Jetzt würde mich interessieren, wie das Ganze auf euch Nicht-Einwohner von Schwerin wirkt (die Frage geht natürlich auch an Blog-Besucher aus Schwerin)? Habe ich recht oder übertreibe ich mit meiner Feststellung?
Die gesamte Bildergalerie vom Großen Dreesch ist hier oder über die Bilderseite erreichbar. Auf dem Weg dorthin habe ich auch noch einige Bilder vom Franzosenweg gemacht – allerdings dem Zweck angemessen in Farbe.





Als Wessi, der im Osten lebt, erlaube ich mir mal, ein urlaub zu fällen: Du übertreibst schon ein bisschen bzw. so schlimm ist das ganze nicht – ein plattenbua ist und bleibt nunmla ein Palttenbau, ob sozialistisch oder kapitalistisch verwaltet. Nur der Post-Schriftzug und das Dekret über den Boden, die sind echt DDR.
Außerdem gibt es auch im Westen genug Beispiele dafür, dass Beton auch in der Freien marktwirtschaft denkbar unästehtisch war…
Du hast natürlich nicht ganz Unrecht – wo sollen die Platten auch hin? Man kann sie ja schlecht alle abreißen und durch Luxusvillen ersetzen. Erstmal wäre das Geldverschwendung und darüberhinaus würde das auch die Einwohnerdichte drastisch absenken. Das klappt nicht.
Ich hab das aber auch eher als Experiment begriffen. Ich habe versucht, das so zu fotografieren, das man denken könnte, Bilder aus der DDR vor sich zu haben. Das direkt neben den Postzeichen ein „Postbank“-Schild ist, hab ich natürlich verschwiegen!
Was die Meinungen zur Nostalgie betrifft gibt es natürlich verschiedene Ansichten. Allerdings möchte ich diesen Beitrag aus Sicht eines begeistertet Hobbyfotografen beurteilen. Und hier kann ich mit jedem betrachten der Gallerie nur sagen: Sehr kreativ, die Motive und auch die Auswahl des Bildausschnittes sind sehr geschickt gewählt, und das ganze in Schwarz/weiss zu betten gibt dem ganzen das Sahnehäubchen. Hier steckt gewaltiges Potenzial zu Fotografie.
P.S. Kauft dir lieber ne eigene Kamera als ne Akustik Gitarre
Danke schön. Wobei – nur weil ich die Ergebnisse im Spiel mit Akustikgitarre auf dem Blog nicht so gut präsentieren kann, heißt es nicht, dass diese in der Sache schlechter sind! Aber ich hab dich schon verstanden …
Die DDR lebt (zum Glück) nur noch auf deinen Bilder lebt . Sehr schön dargestellt und auch gar nicht übertrieben, sondern sehr ästhetisch und aus meinem Blickwinkel nicht abwertend. Aber da du genau dort deine Kamera aufgestellt hast wo ich aufegwchsen bin und auch heute noch wohne, verbinde ich eher Kindheitserinnerungen damit. Kann ja nicht jeder behaupten zu Füßen von Lenin Skateboard fahren gelernt zu haben^^
Nee, das kann wirklich nicht jeder behaupten!
Aber ich hab das ja extra so fotografiert, das es noch nach DDR aussieht – wenn man über den Berliner Platz geht, sieht ja nicht wirklich alles aus wie in der DDR!
mit der Ausnahme jedoch, dass die einst so schöne Industriewarenkaufhalle mittlerweile zu einem Ramschladen (KiK – TeDi) verkommen ist. Also an der Stelle des Berliner Platzes hatdamit keine fortschreitende Entwicklung eingesetzt sondern eher eine rückwärts bewegende – Berliner Platz, oder auch klein Moskau wie es nun genannt wird verkommt leider zusehens, was aber keinesfalls auf die Bewohner zurückzuführen ist, sondern auf die Art & Weise wie in der Landeshaupstadt politik gemacht wird.
Das hast du treffend formuliert! Das mit dem „Ramschladen“ ist allerdings auch ein Beispiel, das meine Theorie keinesfalls auf den gesamten Dreesch zu beziehen ist. Ich musste mich ja teilweise schon sehr anstrengen, damit nichts west- oder gesamtdeutsches im Bild auftaucht!
Hmmm, diesen Thread hier hatte ich wohl etwas übersehen?
Nun, ich hab mir Deine Bilder mal angeguckt, aber einen deutlichen oder gar typischen Bezug zur DDR konnte ich darin nicht finden.
Die Frage ist nur, warum wohl?
Warst Du ein wenig zu „schüchtern“, um die wirkliche DDR abzubilden? Kennst Du überhaupt Orte, die den Baustil der DDR verkörpern? Warst Du jemals in Leipzig oder Halle, in Karl-Marx-Stadt? (heute wieder Chemnitz) Oder in Riesa?
Oder bist Du einfach nur ein Fotograf ohne Phantasie?
Ich habe längere Zeit in München und Stuttgart gelebt, aber die von Dir gezeigten Bilder könnten (mit Ausnahme der Lenin-Statue) genauso gut auch dort entstanden sein wie vermutlich in jeder anderen westdeutschen Stadt in den 70ern.
Solche Wohnblocks gibt es überall, nicht nur in Deutschland. Sie könnten ebenso in Österreich, Italien oder in Frankreich stehen. Schmuddelige Hinterhöfe gibt es dort ebenfalls zur Genüge, das ist (und war) also kein typisches Markenzeichen der DDR.
Mein Tip: Wenn Du Fotos machen willst, welche die Wirklichkeit und die Bausünden der DDR verkörpern (gerne auch in etwas übertriebener Form), so mach Dich mal auf die (roten) Socken und fahr zum Beispiel mal nach Chemnitz. Dort findest Du noch heute einen ganzen Stadtteil im Plattenbaustil, der alles was ich bis dahin gesehen hatte, weit in den Schatten stellt. Sogar noch die jeweilige Neustadt in Prag und Brünn.
Ansonsten bleibt es nur ein kümmerlicher Versuch, Zeitdokumente eines untergegangenen Systems in Schwarzweiß-Bildern festzuhalten.
Weitgereiste Grüße vom Mino.
hi,
ich finde die idee ganz lustig, ostalgische fotos machen zu wollen. das einzige, was ich tatsächlich zu bemängeln hätte, ist, dass die ddr-propaganda-maschinerie sicherlich niemals zugelassen hätte, dass ein so gewaltiger leerstand auf den bildern erkennbar ist.
wahrscheinlich wären per retusche der fotos gardinen dazugemogelt worden.
ich bin auf dem dreesch groß geworden und mich macht diese entwicklung traurig. es ist eine art melancholie, die mich jedes mal überfällt, wenn ich den dreesch besuche. zu wissen, dass die orte meiner vergangenheit bald den abrisskränen zum opfer fallen werden ist einfach ganz schön hart.
es ist übrigens tatsächlich geplant, dass teile des dreeschs komplett platt gemacht werden, um dort dann eine eigenheim-siedlung hoch zu ziehen. die baugrundstücke werden bereits verkauft.. :/
@Minotaurus: Als ich überhaupt angefangen habe, über das Fotografieren nachzudenken, war die DDR längst Geschichte – ich erhebe nicht den Anspruch, mit dieser Galerie ein geschichtlich-historisch korrektes Abbild der DDR zu schaffen. Ich hatte eben nur den Eindruck, das manches dort noch immer aussieht wie die DDR. Dabei haben meine subjektiven, nicht immer korrekten Vorstellungen von der DDR auch eine Rolle gespielt. Ja, es gibt auch in Westdeutschland Plattenbausiedlungen. Und die sehen mitunter genauso aus – aber für mich als Ur-Schweriner ist der Stadtteil Großer Dreesch untrennbar mit der DDR verbunden. Ich wüsste nicht, was an dem Versuch kümmerlich ist – nach meinem Empfinden ist die Galerie auch aus künstlerisch/fotografischer Sicht sehr gelungen.
Ich frage mich, was es mit „schüchtern“ zu tun hat, wenn ich über den Berliner Platz laufe und vor allen Leuten die Wandstruktur einer „Platte“ aufnehme? Das ist eigentlich schon ziemlich extrovertiert, oder?
@Katja: Ja, das hätte die Maschinerie sicher nicht zugelassen. Aber nach dem Ende der DDR kann man glücklicherweise etwas ehrlichere Bilder produzieren!
Hast du denn als „Dreesch-Kind“ (nicht abwertend gemeint!) den Eindruck, das sich seit der Wende nicht viel getan hat? Das würde ja meine These unterstützen, das dort noch vieles DDR ist, was Minotaurus ja anzweifelt!?
Ach, die sollen komplett abgerissen werden?? Ich weiß nur von dem Rückbauprogramm …