Ich habe die Pressekonferenz von Kurt Beck ja leider verpasst – ich hatte leider schon was wichtigeres vor! Aber als ich die Highlights hier in gedruckter Form gelesen habe, dämmerte mir schnell die Einsicht – da muß ich was zu sagen. Hier also die besten Zitate:
“Wir müssen unsere Strategie weiterentwickeln.”
Welche Strategie? Ich kann keine erkennen. Über die Linkspartei sagt Beck:
“Inhaltlich gilt für diese Partei, dass sie ohne Programm ist. [...] Es muss in jedem Land entschieden werden, ob es Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gibt.”
Oder andersherum: die SPD kann nur mit der Linkspartei zusammenarbeiten, wenn sie auch weitestgehend ohne Programm und Führung durch die programmatische Landschaft irrt. Dämmert es? Dann die Frage, ob alleine Andrea Ypsilanti an dem “Debakel” in Hessen Schuld ist oder ob er auch eine Mitschuld trägt:
“Ein gewisses Maß an Kritik trifft zu. Das habe ich auch eingeräumt. Ich bin sicher, dass wir diesen Diskussionsprozess so oder so hätten führen müssen.”
Interessant, so oder so. Auf die Frage einer Journalistin, ob Beck fest im Sattel sitzt, antwortet er:
“Es ist nicht nur wichtig, dass man fest im Sattel sitzt, sondern das man das Pferd auch in die richtige Richtung lenkt. Sie können davon ausgehen, dass ich lenke.”
Sie können davon ausgehen, das ich lenke. Aber wohin? Jeden Tag in eine andere Richtung. So erreicht man natürlich kein Ziel. Den Titanic-Vergleich verkneife ich mir aus Anstandsgründen lieber. Dann:
“Ich halte nichts davon, Druck auf einen Abgeordneten auszuüben. Man darf diskutieren. Ich plädiere ausdrücklich dafür, dass es keinerlei Druck auf irgendjemanden gibt.”
Das könnte er auch auf sich bezogen haben. Weiter:
“Die hessische SPD ist mit mehreren Zielen angetreten, die auch ehrlich gemeint waren. Das Wahlergebnis hat eine andere Sprache gesprochen.”
Hat das Wahlergebnis denn bezüglich der Ziele eine andere Sprache gesprochen – oder bezüglich der Ehrlichkeit? In beiden Fällen wird kein Schuh daraus. Dann ein schöner Fussball-Vergleich zum Umgang mit der Linkspartei. Da muß ich ihm sogar recht geben. Ein Lichtblick:
“Das, was Sie die Reise nach links nennen, hat nie stattgefunden. [...] Wir spielen auf der Breite des Spielfeldes. Alles andere ist schlicht falsch beobachtet.”
Sehr schön gesagt. Doch sofort folgt Ernüchterung – wie will Beck seine negativen Umfragewerte aufbessern? Beck antwortet tatsächlich:
“Ich werde meine Arbeit so machen, wie ich sie bisher gemacht habe.”
Na, dann viel Spaß. Machen wir uns nichts vor – Beck ist als Kanzlerkandidat nicht mehr haltbar. Vor einem Jahr hätte er noch die Chance auf ein respektables Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl gehabt. Aber durch das ständige Hin und Her hat er sich jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Nicht der Inhalt selbst ist das Problem – sondern falsche Festlegungen und zu viele Richtungswechsel.



Aber wen soll die SPD sonst nehmen? Steinmeier wird nicht so dämlich sein und seine Chancen durch das katastrophale Ergebnis der SPD, dass sie wohl aller Wahrscheinlichkeit nach 2009 einfahren wird, zu nichte machen.
Jetzt rächt es sich, dass Schröder keinen Nachfolger großgezogen hat.
Ich gebe dir völlig recht – folgendes Personal kommt nach Steinmeier:
Müntefering – geeignet, aber mindestens zehn Jahre zu alt
Steinbrück – als Finanzminister chronisch unsympathisch
Wowereit – könnte Kanzlerkandidat werden, Rot-Rot-Grün im Bund?
Gabriel – zu profillos
Nahles – zu jung und unbekannt
Platzeck – will nicht, könnte aber im Osten funktionieren
Heil – Generalsekretät, kennt aber warscheinlich kein Mensch
Ypsilanti – demontiert
Das ist also das “Spitzenpersonal” der SPD, einige aus der Liste können froh sein, das ich sie überhaupt erwähnt habe. Ein trauriges Bild. In Niedersachsen hat sich Schröder warscheinlich Gabriel als Nachfolger herangezogen, aber das wird auf Bundesebene natürlich gar nichts.
Interessant ist in dem Zusammenhang auch dieser Beitrag vom 27.06.07, in dem ich mir auch schon Gedanken gemacht habe – soviel hat sich gar nicht geändert im Laufe des letzten Jahres!
Den Satz mit “ich werde meine Arbeit so weitermachen wie bisher” emfpand ich auch als Drohung. So rein aus dem Bauch würde ich ja dringend Münte als Parteichef und Steinmeier als Kanzlerkandidat empfehlen. Mehr ist nicht drin, glaub ich.
Wer so machtgeil ist wie Steinmeier wird sich nicht in einer verlorenen Wahl verschleißen. Die SPD ist bei unter 30% und wenn die CDU jetzt nicht die ganz große Scheiße baut, dann wird die SPD kaum noch aus dem Umfragetief kommen, denn Hessen hat eins bewiesen: Einen Plan hat die Spitze nicht – es wird reagiert, nicht agiert.
Ich denke auch, das Trauerspiel geht weiter. Beck mag zwar ahnen, dass sein Nein-Kurs nichts bringt, aber seine überwiegend auf Agenda-Kurs getrimmten Genossen glauben ihm die Ahnung nicht, und da eiert er herum. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2008/03/10/spd-verharrt-am-scheideweg/
@Frederic: Steinmeier als Kanzlerkandidat und Münte als Parteichef ist für mich auch die Optimallösung. Aber das wird wohl an Münte scheitern – außerdem wird selbst die Variante nicht zu einem Wahlsieg der SPD im nächsten Jahr im Bund führen.
@MuGo: Ist Steinmeier so machtgeil? Er hat doch auch ewig als Strippenzieher im Hintergrund für Schröder ausgehalten.
@Blogsgesang: Im Grunde ist es eh egal, welchen Schwenk Beck als Nächstes macht – es wird eh nicht mehr ernst genommen.
@Roman:
Klar, sonst würde er auch weiterhin als Strippenzieher im Hintergrund agieren und sich nicht zum Vizekanzler und Vizeparteivorsitzenden machen lassen und obendrein seine Meinung kund tun.
Und dass er so lange unter Schröder ausgehalten hat, zeigt für mich, dass er warten kann. Da kann der Beck ruhig noch mal Scheitern und so lange dauert es auch nicht mehr bis 2013…
Klingt soweit logisch. Sagt man aber Steinmeier nicht nach, das er in der SPD nicht vernetzt ist? Ich habe schon mehrfach gelesen, das ihm der sogenannte “Stallgeruch” fehlt. Wäre eine entsprechende Vernetzung oder zumindest ein Bemühen darum nicht auch ein Merkmal von Machtbewusstsein?
Hm, das ist jetzt natürlich wahr. Ich bin davon ausgegangen, dass er ein treuer Parteisoldat ist. Ich weiß irgendwie überhaupt nichts über ihn.
Hm, unter diesen Voraussetzungen ist es natürlich nicht so einfach für ihn, Kanzlerkandidat zu werden…
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/116/162663/
Abgesehen davon, daß Hildebrandt für den Fraktionszwang plädiert, bin ich durchaus seiner Meinung. Auch und gerade zu Beck.
2009 stellt die SPD sowieso keinen Kanzler, da kann sich in der Zwischenzeit hinter Becks breitem Rücken eine neue Mannschaft formieren. Die SPD muß sich auf die Länder konzentrieren und dort auch neue Mehrheiten akzeptieren.
@MuGo: Ne? Das passt doch irgendwie nicht in das Konzept. Aber auch da gebe ich dir recht – ich weiß auch wenig über ihn. Im Grunde weiß man nur, das er immer im Hintergrund für Schröder gearbeitet hat und plötzlich da war.
@Karl: Das hört sich nach eine venünftigen Strategie für die SPD. Wobei ich es noch nicht gänzlich aktzeptiert habe, das die CDU stärkste Kraft bei der nächsten Bundestagswahl wird. Beide “Volksparteien” haben gute zehn Prozent Unterschied – so ein Ereignis wie ein Spendenskandal kann da noch viel bewegen. Wobei das für die SPD peinlich wäre, nur deshabl Zuwächse zu bekommen. Das ist ja im Grunde auch jetzt mit Andrea Ypsilanti das Gleiche.